Steig im Bachlauf

Löwenpfad Berta-Hörnle-Tour

Abenteuerpfade und Hohenstaufengrüße

Einige Prüfungen stehen mir bevor, bis ich das ersehnte Ziel erreiche: Zunächst muss ich das Labyrinth der an der Alten Eiche durchstreifen und den Ausweg finden. Eigentlich nicht schwer, Ariadne hat mir einen Trick verraten. Doch kaum hatte ich diese Übung hinter mir, muss ich über den Baumstamm der Kühnheit wandeln, der über eine tiefe Schlucht führt. Höhenangst? Ja! Vielleicht sollte ich mir die Augen verbinden? Dann sehe ich auch die Tiefe nicht. Mit dieser Logik taste ich mich Fuß für Fuß auf der, über den Schlund führende, natürliche Brücke. Ich schaffe es knapp, beinahe wäre ich weggerutscht. Aber das Erfolgserlebnis setzt neue Kräfte frei. Und die brauchte ich nun, wartet doch nun der Abstieg in die Tiefe auf mich. Auf einem lehmigen und rutschigen Weg, in der schwül-heißen, drückenden Luft, umschwärmt von Myriaden von Moskitos, schlage ich mir mit der Machete den Weg frei.

Dann kommt die Reifeprüfung: Die Eingeborenen vom Stamme der Boller schicken mich ich den beengten Klanghain. Durch hängende Baumstämme, dicht an dicht gepackt, suche ich meinen Weg durch den Wald. Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Bei jeder meiner Bewegungen klopfen die Stämme rhythmisch aneinander – die Eingeborenen glauben wohl, dass mich das mürbe macht. Aber weit gefehlt: Durch Konzentration und Zähigkeit finde ich nach einer gefühlten Ewigkeit meinen Weg. Erschöpft, aber glücklich, komme ich am Bestimmungsort an: dem Ziel, das jeder Wanderer erreichen will, der die Strapazen auf sich genommen hat: Der Tempel der Aussicht. Erschöpft und glücklich genieße ich den weiten Blick über die Landschaft und denke mir: Es hat sich gelohnt.

Zugegeben, so abenteuerlich wie mir gleich zu Beginn der Pfad vorkam, war es natürlich nicht – ich befand mich ja nicht im Dschungel in Mittelamerika sondern am Rande der Schwäbischen Alb bei Bad Boll. Trotzdem ging gleich zu Beginn der Wanderung auf der Berta-Hörnle-Tour die Fantasie mit mir durch.

Es sollte ein heißer Tag werden – schwül und mit Gewitterneigung. Also lief ich bereits früh los. Kurz vor acht Uhr startete ich die Runde am Startpunkt in Bad Boll. Es dauerte nicht lange und der Wanderweg führte in den Wald hinein. Bei Martin, dem Zwerg auf dem hohen Stamm – und die erste Station des Naturpfads Sinnenwandel, der mich das erste Stück begleitete – verzweigte sich der Löwenpfad, ich lief zuerst Richtung „Tempele” durch ein herrliches Bachtal und passierte des „Labyrinth” mit einer beeindruckenden, uralten Eiche im Zentrum. Das Labyrinth bestand aus Steinen auf dem Boden.

Auf einer schmalen Brücke (aber mit hohem Geländer) überquerte ich eine Klinge. Nun wurde es rutschig, der Pfad führte in eben diesen Taleinschnitt hinab – und auch wieder hinauf. Es dauerte nicht lange und es erwartete mich eine weitere Station des Sinnenwandels: der Klangwald. Dicht an dicht gepackt hängen Baumstämme aneinander, wenn man sich durchbewegt, stoßen sie zusammen und erklingen. Eine schöne Idee und es hat Spaß gemacht, durch den „Wald” zu laufen. Der Sinneswandel verließ mich nun, ich sollte später wieder auf ihn treffen. 

Ich ließ die Bäume hinter mir, vor mir läutete es bereits, kurz darauf lernte ich auch die Besitzer kennen: eine Kuhherde. Es war nun nicht mehr weit bis zum Tempele. Von der Plattform bot sich mir eine tolle Aussicht auf Bad Boll, das Filstal und die drei Kaiserberge Hohenstaufen, Hohenrechberg und Stuifen. Eine mächtige alte Eiche stand direkt neben dem Gebäude. Es erwartete mich ein strammer Anstieg, glücklicherweise durch Wald, zur Hörnlehütte mit einem weiteren Ausblick, diesmal nach Westen zum Aichelberg. Und auch die Geräuschkulisse der Autobahn im Tal war nicht zu überhören.

Durch angenehm kühlen Wald leitete mich der Löwenpfad ohne größere Steigungen. Ich hörte den Vögeln beim Zwitschern zu und roch den angenehmen Duft der Kiefern um mich. Wie auch an den Vortagen bei der Wanderung auf anderen Löwenpfaden blieb ich immer wieder stehen, denn am Wegrand war einiges zu entdecken: Storchschnabel, Walderdbeeren, Waldmeister, Holunder und Bärlauch, der noch sehr aromatisch roch.

Doch nach einer Weile wanderte ich wieder bergan und an einer tiefen Klinge entlang zum Kronberg hinauf. Oben erwartete mich eine offene Hochfläche, doch noch nicht der Gipfel. Ein letzter Aufstieg stand mir nun bevor. Am Waldrand warf ich einen Blick zurück und konnte die Aussicht auf das Filstal mit Göppingen, dem Schurwald und den drei Kaiserbergen genießen. Bei einem Abzweig absolvierte ich einen Abstecher auf den Gipfel, zeigte mir doch das GPS-Gerät an, dass dieser nicht bewaldet ist. Doch leider gab es dort keinen Panoramablick.  Ein Schwarzspecht flog von Baum zu Baum. Beim Abstieg zur Kornberghütte standen Birken für mich Spalier – so mag ich es. An diesem Montag war das Haus nicht bewirtschaftet, es war angenehm ruhig, als ich die erste größere Pause einlegte. Dachte ich, denn kurz darauf flogen ständig Hubschrauber über das Gebiet. Von der Kornberghütte gab es erneut keine Aussicht – schade.

Der Weg führte nun an einer Wacholderheide vorbei. Diese Bäume habe ich erst einige Tage vorher auf dem Orchideenpfad bewundert dürfen. Leider sieht man sie recht selten. Die Gräser wogten im Wind, an einer Hecke wuchsen unzählige Margeriten – ein herrlicher Anblick. Immer wieder hielt ich auf dem weiteren Weg an und schaute Bienen zu, wie sie von Blüte zu Blüte flogen. Auch Wildrosen blühten am Wegrand. Doch dann tauchte ich wieder in den Wald ein – angenehme Kühle empfing mich. Bald gelangte ich zur einstigen Bertaburg. Im Gelände sind nur noch Gräben zu sehen. Von einem Aussichtspunkt schweifte jedoch mein Blick weit nach Norden – der Albtrauf hat schon seine Vorzüge.

Ab jetzt gehorchte ich bereitwillig der Schwerkraft – kräftig abwärts ging's, schnell verlor ich an Höhe. Unterwegs blühte auch schon der Fingerhut. Nach einer Weile gelangte ich zur Boller Heide. Der Name ist etwas irreführend, handelt es sich doch um einen Rastplatz mit Grillstelle. Trotzdem ist er idyllisch gelegen und an den Wochenende ist sicherlich viel los. Doch an diesem Werktag hatte ich ihn für mich alleine.

Ein angenehm zu laufender Waldweg leitete mich langsam abwärts, immer wieder hatte ich herrliche Ausblicke auf Bad Boll. Auch der Bärlauchduft war wieder präsent, teils wuchsen hier ganze Teppiche dieser Pflanzenart, wenn auch schon verblüht. Um mich herum zwitscherte es lautstark. Dann stand ein letzter größerer Anstieg an; für diesen Energieeinsatz wurde ich mit einem wundervollen Ausblick auf den Ort und den Hohenstaufen belohnt. Und kurz darauf kam auch noch der Hohenrechberg ins Bild. 

Ich gelangte wieder in die Zivilisation. An der Straße stand eine imposante Silberpappel, die bereits knapp 200 Jahre im Geäst hat. Wieder im Wald traf ich an einer Holzbrücke erneut auf den Naturpfad Sinneswandel. Über Stege und einen herrlich matschigen Pfad lief ich durch das Bachtal. Es hat mir viel Spaß gemacht, der Weg war teils auf beiden Seiten mit einem Holzgeländer versehen, so dass ich mich über den Schlamm hangeln konnte. Trotzdem sahen meine Wanderschuhe danach aus – der Löwenpfad ist also nichts für Sauberkeitsfetischisten. Es schloss sich noch ein angenehm zu laufender Waldweg an, der mich wieder zu Martin brachte. Dort fiel mir dann auch ein Schild auf: „Schuhwasch-Anlage”. Prima, und so säuberte ich meine Schuhe zumindest vom gröbsten Dreck. Es war jetzt nicht mehr weit zurück zum Parkplatz, den ich nach 6½ Stunden wieder erreichte.

Karte, Höhenprofil und GPS-Track

Länge: 14,7 km, An-/Abstieg: 430 m